Warum ist die Liebesgeschichte von Romeo und Julia so herzzerreißend und intensiv? Weil sie verboten ist. Paradoxerweise funktioniert diese Form der Liebe nur, wenn sie nicht funktionieren darf. Wären die Familien der Verliebten nicht gegen diese Verbindung, wäre diese Geschichte einfach nur lau.

Wir lernen hier, warum romantische Liebe heute nicht mehr so gut funktioniert. Sie hat nämlich kaum Gegner. Die Scheidungsraten in westlichen Ländern steigen stetig, während sie in traditionell geprägten Ländern noch sehr niedrig sind. Das liegt daran, dass unsere Liebe heute nicht mehr verboten ist. Niemand schreibt uns vor, welchen Partner wir wählen sollen. In dieser Errungenschaft liegt gleichzeitig die Gefahr.

Warum?

Weil die romantische Liebe eben diesen Verbot braucht. Sie darf nicht sein, weshalb sie so intesiv und leidenschaftlich ist. Wenn das „darf nicht“ wegfällt, was bliebt da übrig?! Naja, eben die zwei Liebenden, die aber nicht mehr wissen, was an ihrer Liebe so besonders ist.

Aus diesem Grund konstruieren wir unsere Gegner heute selbst. Schauen wir uns das an Liebesliedern und romantischen Filmen an.  Fast jeder moderne Liebessong handelt von einer Liebe, die nicht sein darf. Manchmal sind die Feinde unsere Freunde, die uns davon abraten, uns auf diesen Menschen einzulassen; manchmal ist es die Familie; und manchmal Charakterunterschiede.

Nehmen wir beispielhaft den Song „Bleeding Love“ von Leona Lewis.

My heart melted to the ground, found something true

And everyone's looking 'round, thinking I'm going crazy

But I don't care what they say, I'm in love with you

They try to pull me away, but they don't know the truth

My heart's crippled by the vein that I keep on closing

You cut me open and I keep bleeding, keep bleading in love.

Sie verliebt sich offensichtlich in jemanden, der für sie nicht gut ist; zumindest aus Sicht irgendwelcher Menschen. In dieser Form der Liebe geht es also weniger darum, jemanden perfekten für sich gefunden zu haben; es geht darum, jemanden gefunden zu haben, den man nicht haben darf. Und nun geht es darum, der Welt zu zeigen, warum diese Person eben doch die Richtige ist. Romeo und Julia lässt grüßen. Doch was passiert, wenn es der Welt wurscht ist, ob die Zwei zusammen passen?! Die Liebe verpufft langsam im Alltag.

Warum benötigt diese Form der Liebe immer Gegner?! Weil die Abschottung von den Gegnern gerade das Verbindende dieser Liebe ist.

Auch in Filmen finden wir immer wieder dieses Motiv. Ich nenne mal exemplarisch einige Filme: Forrest Gump, Die Schöne und das Biest, P.S. Ich liebe dich, Silver Linings, Zwei an einem Tag, Pretty Woman….

Überall das gleiche Motiv: eine Liebe, die nicht sein darf. Einzig der Grund, warum sie nicht sein darf, ändert sich in diesen Filmen.

Ich vermute, dass in diesem Umstand der Grund liegt, warum fast jeder moderne Mensch die intensivste Liebe in seiner Jugend erlebt. Als Heranwachsender hat man noch Gegner und die erste Liebe ist nicht selten eine verbotene Liebe. Sie muss meistens verheimlicht werden.

Als Erwachsene tun wir uns zunehmend schwer mit der romantischen Liebe. Wir müssen dann eben auf die Hormone bauen, die uns vorgaukeln, zu lieben. Sobald dieser chemische Vorgang abflaut - so nach etwa sechs Monaten -, beginnen die Probleme in der Partnerschaft. Die Leidenschaft baut ab und die Charaktereigenschaften des Partners werden zunehmend unerträglich. Nun entwickeln wir uns zum größten Gegner der Liebe.

Wo liegt das Problem?

Die Soziologin Eva Illouz bringt das Problem auf den Punkt. Sie stellt fest, dass die romantische Liebe am bildlichsten in den Postkarten verinnerlicht wird, auf denen ein Pärchen Händchenhaltend am Strand spaziert. Das ist unser Verständnis der Liebe.

Und wie sieht die Realität aus?! Ein Pärchen sitzt gemeinsam auf einer Couch und schaut Fernseh.

Zurecht stellt sie folgende Frage:

Warum sehen wir nie Postkarten mit einem Paar auf der Couch vor dem Fernseher?! Was ist an dieser Form der Partnerschaft falsch?! Für die Mehrheit ist das eine Realität.

Warum lehnen wir das ab?

Kommen wir wieder zurück zu Romeo und Julia. Die romantische Liebe speist sich vom Außen. Sie braucht Gegner und folglich auch Zuschauer. Ohne Zuschauer keine Gegner.

Wenn wir nun aber unsere Partner selbst wählen können, so haben wir keine Gegner mehr und letztlich auch kaum Zuschauer. Deshalb  sorgen wir heute selbst für die Leinwand.

Gemeinsam rausgehen, um sich zu zeigen; gute Liebe.

Gemeinsam vor dem Fernseh sitzen; schlechte Liebe.

Hier sieht man, warum diese Form der Liebe von Außen gesteuert wird. Auf uns selbst gestellt, sehen wir eben nur den Partner und die nackte Realität: 

Seinen Charakter; Ihre Marotten; die Zahnpasta auf dem falschen Platz; den unrasierten Kerl, der riecht; ihren Mundgeruch morgens; seine Furze abends; ihr Gesicht ohne Makeup….na eben die nackte Realität der romantischen Liebe. Und die gefällt uns so gar nicht.


Deshalb blickt jedes Pärchen neidisch auf das Nachbarpärchen. Denen scheint es besser zu gehen.

Doch wehe jemand kommt und sagt uns, dass dieser Partner nicht gut für uns ist! Die Liebe entfacht von Neuem. Deshalb kann sich jedes Paar glücklich schätzen, wenn die Schwiegereltern gegen diese Verbindung sind. Am besten seine und ihre Schwiegereltern zugleich. Ein Pulverfass an Leidenschaft garantiert....

Wer an diesem Thema mehr interesiert ist, dem empfehle ich diese zwei großartige Werke:

Eva Illouz: Der Konsum der Romantik

Richard David Precht: Liebe - ein unordentliches Gefühl